SZ: Manche Journalisten halten die Wahlerfolge von Trump oder der AfD für die Quittung dafür, dass Politik und Medien den Kontakt zu den “Unvernünftigen”, “Vergessenen”, “Abgehängten” verloren haben und sie nur noch verachten und beschimpfen. Ist da was dran?

Michael Schmidt-Salomon: Der Erfolg der Rechtspopulisten ist, wie ich meine, auf zwei zentrale Faktoren zurückzuführen. Erstens auf eine zunehmende soziale Ungleichheit. Es ist ja leider so: Wenn Menschen ihren sozialen Status nicht verbessern können, wenn sie sich selbst als Individuen nicht mehr wahrgenommen fühlen, dann neigen sie dazu, sich über die Mitgliedschaft zu einer Gruppe zu definieren, was chauvinistische Abgrenzungen gegenüber “den anderen” verstärkt.

Zweitens fehlt es tatsächlich an einer rationalen Streitkultur. Eine vernünftige gesellschaftliche Debatte hätte diesem Lagerdenken entgegenwirken können, aber dazu ist es in den letzten Monaten nicht gekommen.

Inwiefern war die Debatte nicht vernünftig?

Weite Teile des politischen Mainstreams haben von Vornherein jede noch so vernünftige Aussage bestritten, die zum Beispiel von AfD-Vertretern verbreitet wurde. Auf diese Weise wollte man die Partei schwächen, aber tatsächlich hat man sie gerade dadurch gestärkt.

Wieso denn das?

Demagogen feiern mit halben Wahrheiten ganze Erfolge. Wenn man sie stoppen will, dann muss man ihnen ihre halben Wahrheiten entziehen, indem man ihnen recht gibt, wo sie recht haben. Eben das ist aber nicht passiert. Das war nicht nur politisch fatal, sondern auch intellektuell unredlich. Schließlich wird eine Wahrheit nicht zur Lüge, bloß weil sie von Frauke Petry oder Beatrix von Storch geäußert wird.

Was wäre denn ein Beispiel für so eine Wahrheit?

Nehmen wir die bekannte Aussage von Beatrix von Storch, dass der politische Islam mit der deutschen Verfassung unvereinbar sei. Das ist zweifellos ein treffendes Argument, das leicht zu untermauern ist, wenn man die Prinzipien des politischen Islam – also einer bestimmten Lesart der muslimischen Religion – mit den Prinzipien der offenen Gesellschaft abgleicht. In der politischen und medialen Auseinandersetzung mit von Storch wurde jedoch behauptet, ein solcher Satz sei eine “Schande für Deutschland”.

Damit hat man der AfD das Terrain der kritischen Auseinandersetzung mit dem Islam überlassen. Und gerade davon hat die Partei ungemein profitiert. Denn: Wer etwas so Offensichtliches wie die Realität des politischen Islam leugnet und den Zusammenhang von Islam und Islamismus bestreitet, der treibt Wählerinnen und Wähler in die Arme von Politikern, die ihre antiaufklärerischen Ziele unter dem Deckmantel einer “aufgeklärten Islamkritik” wunderbar verbergen können.

http://www.sueddeutsche.de/politik/philosoph-michael-schmidt-salomon-solange-rechtspopulisten-oder-islamisten-keine-gesetze-verletzen-muessen-sie-toleriert-werden-1.3259711